Paris – 1. Mai: Ein Aufruf zu unkontrollierbaren Demonstrationen/Aktionen

Es ist scheinbar ruhig geworden in Frankreich. Widerstand gegen den Ausnahmezustand und die Ausgangssperren sind bisher lediglich den Jugendlichen der Vororte vorbehalten, die nachwievor von den Bullen schikaniert, gejagt und umgebracht werden. Die allsamstätigen Demonstrationen und militanten Aktionen der Gilets Jaunes werden langsam zu verblassenden Erinnerungen, es scheint all wenn sich all die Ohnmacht wieder einschleicht in die Köpfe und Herzen der Rebellen. Doch nun naht der erste Mai, werden im Hintergrund Pläne geschmiedet, um der Gefangenschaft zu entkommen. Kurzfristig gibt es Aufrufe, sich wahlweise am Vormittag am Platz der Republik zu versammeln oder eben doch mit den Kumpels, Genossinnen und Freunden dezentral zu flanieren und randalieren. Die Übersetzung eines Textes, der kurz vor Ultimo, am 30. April, auf Paris Luttes Info erschien.

Warum müssen wir am 1. Mai noch demonstrieren? Nach einem kurzen historischen Rückblick auf die Entwicklung der Demonstrationen seit 2016 erkennen wir, dass die “soziale Distanzierung” sehr wohl zur Ablösung rein gewerkschaftlicher Aufmärsche und zur Entwicklung von wilden Demonstrationen führen kann.

Wenn der Frühling beginnt und der 1. Mai naht, dürfen wir uns zu Recht fragen, wie wir demonstrieren wollen.

Es ist unvorstellbar, dass der Internationale Tag der Arbeit zum Zeitpunkt der Covid-19 Pandemie nicht stattfinden würde, wenn es die Arbeiter wären, die das Land regieren, und dies wo die Drohung, das jene die Rechnung zu bezahlen haben, immer stärker zu spüren ist.

Dieses symbolische Ereignis ist für viele von uns bereits ein alljährliches Ereignis, und es ist eine Zeremonie, die wir gerne mit anderen teilen.

Der 1. Mai ist ein guter Test, um zu wissen, ob wir den Virus der Angst haben, ein Marker, um zu wissen, wo wir uns im Konflikt auf der Straße befinden, ein Thermometer, um die Temperatur des Aufstandsfiebers und den Zustand unserer Antikörper gegen die Repression zu bemessen.

In diesem Jahr steht viel auf dem Spiel: Wir sind nicht sicher, ob unser Großvater, die Arbeiterbewegung, dieser alte Asthmatiker, den Coronavirus überleben wird.

In einer Zeit, in der einige Leute vorschlagen, die Demonstrationen des Verzichts zu digitalisieren, denke ich, dass wir mehr denn je über unser Verhältnis zu den Demonstrationen nachdenken müssen, und deshalb sollten wir einen kurzen Blick auf die jüngste Geschichte werfen:

Am 1. Mai 2016 sind wir mit der Unbeweglichkeit “rein gewerkschaftlicher” Demonstrationen und ihrer Instrumentalisierung durch die Behörden konfrontiert, wobei “störende” Elemente, denen “der Schweif” (1) am Ende der Demonstration gewöhnlich vorbehalten ist, erstmalig die Führung übernehmen: Es ist der spektakuläre Auftritt des cortège de tête (dessen Geburt etwa Mitte März 2016 stattfand), der, indem er das Kräfteverhältnis auf der Straße annimmt, das Paradigma der Demonstration angreift. Was den Hauptteil der Demonstration betrifft, so wird er (endlich!) mit der Polizei konfrontiert, manchmal reagiert er auf diese Angriffe, und so gelingt es dem Hauptteil des Zuges, auf der Straße, wo der Pazifismus des “rein gewerkschaftlichen” Organs ihn vergessen ließ, die wirklichen Herausforderungen des Kampfes hervorzuheben. Im Gegensatz zu dem, was man damals vielleicht dachte, war diese Strategie – die darauf abzielte, die Gewalt dort zu zeigen, wo sie versteckt war – nicht nur symbolisch und hatte auch reale Auswirkungen, die wir heute nachzuvollziehen versuchen.

Diese frühen Konfrontationen – die von anderen als unverantwortlich, verfrüht, “gewalttätig”, brutal, unverständlich usw. beschrieben wurden (und von einigen weiterhin so beschrieben werden) – waren nicht nur symbolisch, sondern hatten auch reale Auswirkungen, die wir heute nachzuzeichnen versuchen. – Sie haben nicht nur eine enthüllende Wirkung (Aufdeckung des Konfliktzustandes zwischen der Macht, ihren Vertretern und uns), sondern bewirken auch eine historische Explosion in der Anatomie der Demonstrationen. “Der Kopf” (Wortspiel mit cortège de tête, d. Ü.) entspricht nicht mehr “dem Körper” und schafft Fluchtlinien, Fluchtwege aus den friedlichen und reformistischen Schichten hin “zum Kopf”. Das Blut steigt zum Gehirn auf, und die Demonstration als symbolischer Protest-Prozess wird von diesen neuen Autonomien, die vor den geordneten und “rein gewerkschaftlichen” Prozessionen fliehen, aufgegeben. An anderer Stelle zerfällt “der Kopf” selbst unter der Wucht der polizeilichen Reaktion in Gruppen, in wilde Demonstrationen, in Satelliten, die vom “Körper der Demonstration” abgetrennt und wieder an den “Körper der Demonstration” angeheftet werden, der so zu einer Hydra mit tausend Köpfen wird (die Hydra bewegt sich in Richtung der Demonstrationsroute, die in der Polizeipräfektur hinterlegt (1) wurde), und “die Köpfe” werden zu einer anarchischen Hydra.

Dann bemühen sich die Gaukler der Präfektur und ihre Pappstrategen im Laufe der Jahre 2016-2017, mit dem 1. Mai 2017 und seinen spektakulären Molotow-Cocktails, die Situation zu verstehen (und investieren in die mediale Repression), bis sie endlich das System kennen lernen.

Dieser ursprüngliche Ausbruch aus dem Elend der symbolisch-pazifischen Demonstration endet am 1. Mai 2018 mit dem Scheitern am Bahnhof Austerlitz (ein Kopfnicken an die Geschichte der Sieger), wo es den Polizisten durch eine primitive Falle gelang den Schwung eines guten großen cortège de tête zu brechen. Versteckt im Bahnhof und hinter dem Pflanzengarten gelingt es ihnen, den cortège de tête (Es handelt sich um einen Block von Tausenden von Menschen) auf der Austerlitzbrücke aufzustoppen und zu verdichten, bevor er im Angriff der Bullen in mehrere Teile zerfällt. Von dort aus brauchten sie nur noch “den Kopf vom Körper” abzuschneiden indem sie, natürlich mit der Komplizenschaft der Gewerkschaftsführung, die Hauptprozession auf einen anderen Weg umlenkten, und dann “den Kopf”, der vor ihnen lag, durch aufeinanderfolgende Angriffe zahlenmäßig zu reduzieren.

Obwohl die Niederlage bitter ist und nach Tränengas riecht, treffen die Gelben Westen Ende 2018 ein, und sie nehmen diese Beschränkungen des “black bloc Kopfes” von Anfang an zur Kenntnis: Zerstreuung, Illegalität, Vielfältigkeit, Geschwindigkeit… Tatsächlich verhalten sie sich massiv (das ist der erste Unterschied) und radikal (das ist der zweite) wie die tausend Köpfe der Hydra (2016-2018). Darüber hinaus erfolgt die Rekrutierung und Übernahme militanter Deserteure, sobald sie ausgebildet sind, nicht nur in der Demonstration, sondern auch anderswo: zum Beispiel auf den Kreisverkehren. Die Gelben Westen schaffen es zu demonstrieren, indem sie von keinem Organ abhängig sind und nie zentralisiert werden müssen (weder in Frankreich im Zusammenhang mit der Pariser Demonstration noch in der Pariser Demonstration selbst), diese Strategie entwickelt sich zumindest bis zu ihrem Höhepunkt im Dezember 2018 – Januar 2019.

Dann im Laufe des Jahres 2019 versuchen die Bullen, sich anzupassen (durch extreme Gewalt, interne Reorganisationen: Dezentralisierung von Entscheidungen, Bildung von Spezialeinheiten …), bis sie im Sommer 2019 die Handlungen der GJ kontrollieren. Am 1. Mai 2019 ist die Situation immer noch ambivalent, die Gewerkschaftsdemostranten sind unorganisiert und werden von enthusiastischen Wellen gelber Westen, die sich selbst zur Party eingeladen hatten, mitgerissen, aber wenn die Umzüge zersplittert und unorganisiert sind, sind die Polizisten überall und gewinnen wieder die Oberhand.

Dann nehmen die GJ-Demonstrationen trotz aller Militanz den Weg der symbolisch-pazifischen Demonstrationen und veröden allmählich. Diese lange Agonie und die Verbesserung der Taktiken und Strategien der Repressionskräfte dauert mindestens bis vor kurzem (Ende 2019/Anfang 2020) an.

Mit dem Kampf gegen die Rentenreform erleben wir eine Rückkehr der Massendemonstration, angesichts der Bedeutung der Zahl der Menschen, taucht die Illusion der schieren Kraft der Zahlen wieder auf, die symbolisch-pazifische Demonstration scheint wiedergeboren zu werden. In diesen Demonstrationen finden wir die GJs und die Autonomie des cortège de tête, die vielfachen militanten Desertierungen der letzten Jahre, Kräfte, die durch die beispiellose Repression erschöpft und reduziert wurden. Wir stellen fest, dass der cortège de tête in einer demokratischeren, institutionalisierten und ritualisierten Form zum “Körper” geworden ist. Die Demonstration ist kopflos, paradoxerweise, weil “der Kopf “zum “Körper” geworden ist, und der “rein gewerkschaftliche” Block zum Schwanzende der Demonstrationen, also ereignet sich die Rückkehr einer verstümmelten und impotenten symbolisch-pazifischen Manifestation. Dieses Phänomen wurde derart ad absurdum geführt, dass wir bei bestimmten Demonstrationen zu Beginn des Jahres nicht mehr wussten, in welche Richtung die Manifestation ging, so dass eine riesige Prozession von “Köpfen” über den gesamten Verlauf der Manifestation verteilt war. Die Polizisten ihrerseits hatten ihre Fähigkeiten perfektioniert und bauten ein trichterförmiges Netz von “Abwasserkanälen” in den Straßen, in denen die Masse von einem breiten Rand (von dem aus die Repressionskräfte nicht zu sehen war) zu einem Engpass, dem riesigen Schneematschloch, führte.

Immer die gleiche Geschichte der Ausdehnung der Techniken der Aufstandsbekämpfung von den Rändern ins Zentrum; von den Kolonien in die Metropolen; von den Vorstädten in die Stadtzentren. Diese Technik der Kesselung, der Einsperrung der Demonstration, die erstmals 2016 für einen cortège de tête der Minderheit reserviert ist, wird auf den ganzen “Körper “angewandt, der 2020 zum “Kopf” wird. In bestimmten Momenten verdichtete sich der Kopf-Körper, ohne jemals in tausend Köpfe zu zerplatzen, und blieb stehen, weigerte sich, weiter in den Polizeitrichter zu gehen, und der “rein gewerkschaftliche” Schwanz verließ nie seinen Ausgangspunkt. In diesem Fall würden Kopf- oder Schwanzrückstände aus dem Polizeikordon ausbrechen, diesen überlaufen, aber ohne sich zu aggregieren, und seine abgetrennten Mitglieder würden heraus geschwemmt werden. Es folgte eine Demütigung für diejenigen, die erst am Ende aus dem Drucktank der Repressionskräfte ausstiegen und keine Chance auf einen ehrenhaften Abgang hatten.

Andernfalls, wenn “Mikroköpfe” herumgeschleudert werden, würde die in der Gelbe-Weste-Zeit perfektionierte Zerstreuungsstechnik und/oder die bewegliche Kesseltechnik bald zu Ende gehen.

Das beste Beispiel für diese Praxis sind nach wie vor die letzten Veranstaltungen des GJ (“Alle nach Paris”-Aktionen Anfang 2020), bei denen die Repressionskräfte die Führung des Umzugs übernahmen und sich “den Schwanz aufsteckten” und einen riesigen beweglichen Ballon bildeten. Dann wurde diese Strategie der Enthauptung auf der Demonstration zehntausender Demonstranten gegen die Rentenreform ausprobiert und hatte Erfolg!

Seit Anfang des Jahres 2020 gibt es als Reaktion auf diese verabscheuungswürdige Geiselnahme der Demonstration : entweder die wilden Demonstrationen im GJ-Modus (ohne Befestigung an einem “Körper”) am Centre Pompidou, in den Hallen (…) oder die festlichen Wanderungen des Streikkomitees der Place des fêtes (“Mikroköpfe”, deren Körper noch stabiler ist als die Gewerkschaftsdemonstration, und zwar ganz anders, denn sie werden von einem Territorium, dem Bezirk, aus gestartet…) Diese festlichen und offensiven Wanderungen starteten vom Bezirk Belleville aus, marschierten im Bezirk und schlossen sich dann dem Hauptumzug auf dem Weg an. Sie ließen Umzüge militanter Desertionen (in der Abgrenzung von der rein symbolisch-pazifischen Gewerkschaftsdemonstration) zu, die noch größer und länger als die eigentliche Hauptprozession waren. Dann gewannen sie durch die Teilnahme an anderen Nachbarschaftsdemos (wie der in Montreuil) an Macht und erreichten manchmal mehrere hundert, manchmal bis zu vielleicht tausend Menschen.

Anstatt sich zu einer neuen Hydra mit tausend Köpfen zu entwickeln, ließen sich diese “Nachbarschaftsumzüge”, die mit zunehmender Größe und Selbstbewusstsein an Kraft gewannen, leider wie Ströme in den großen See der erklärten Demonstration fließen. Die “Kopflose Prozession 1” war ein Versuch, diese festlichen und offensiven Wanderungen von der unwiderstehlichen Anziehungskraft abzulenken, die die riesige und massive Falle auf sie ausübte, ohne jemals doch die Führung zu übernehmen. Bei mehreren Gelegenheiten überflutete dieser kopflose Umzug, eine Fortsetzung der festlichen Spaziergänge, die Polizei, drang tief in das Marais ein, schnitt die Demonstration ab, erreichte den überdachten Markt… (3)

Vielleicht sollten wir an dieser Stelle bei einer Neuformulierung dessen, was wir bereits wissen, und diese Reflexion ist nicht erschöpfend und verliert sonst auch ihre Wirksamkeit, auch über die GJ-Blockaden, Klimademonstrationen,… und so weiter sprechen. Dennoch erlaubt es uns, diesem Faden der unmittelbaren Geschichte zu folgen, eines: Dieser Prozess in den Jahren 2016-2020 kann als ein Versuch gesehen werden, die symbolisch-pazifische Manifestation aufzulösen hin zu anderen Formen des Protestes, reicher, vielfältiger und vor allem weit entfernt von dieser Protestform, nämlich massiv und kompakt. Die verschiedenen Misserfolge und Siege auf den Straßen zeigen uns diesen Prozess bei dieser Arbeit: Je vielfältiger, schneller, unauffindbarer, autonomer die Formationen und Zerstreuungen der Umzüge sind, desto weniger Zentralisierung und Gefangennahme, Stabilisierung und Repression sind möglich. Die Auflösung des symbolisch-pazifischen Demonstrationstyps, wenn sie zur Konstituierung von autonomen und wilden Demonstrationen führt, ist eine gute Nachricht für den Kampf im Allgemeinen.

Wer hätte nicht davon geträumt, angesichts der Magnetwirkung der Demonstration, die 2020 ausgerufen wurde, das Wiederaufleben des nomadischen Wirbelsturms der GJs oder des wilden Ausbruchs von 2016 in radikalisierter Form zu sehen, wer hätte nicht davon geträumt, dass wir alle in Dreier- oder Vierergruppen demonstrieren würden, dass kleine Gruppen von 10 Personen anfangen würden, Barrikaden in der Straße zu errichten, in der sie leben?

Nun, vielleicht erzwingen die Maßnahmen der sozialen Distanzierung, die unvermeidlichen Gesten der physischen Distanz, solange die Gefangenschaft andauert, wenn sie tatsächlich massive Demonstrationen verhindern, und damit das, was sie an Beruhigung und Wirksamkeit haben: die Stärke der Zahl, die Wärme der Menge zu spüren… diese fragwürdigen, unangenehmen hygienischen Maßnahmen erzwingen auch eine andere Art von Demonstration. Ist dies nicht der historische Anlass für offensive Demonstrationen (auf jeder Ebene und mit jeder Praxis, vom Lärm bis zum Sachschaden), die mehrfach, dezentralisiert, mobil, niemals fixiert und am seltensten unterdrückt sind? Wir, die wir in der “Mikropolitik”, diesem Widerstand gegen die Biomacht, immer geschickter werden, könnten wir “Mikrodemos” nicht zu einer Strategie machen? Eingedenk der Tatsache, dass der Hongkonger Slogan “be water”, nicht “be river”, sondern “be drop” bedeutete, erhoffe ich für den 1. Mai 2020 einen Regen von “Mikromanifestationen”, um die Dürre der kommenden Kämpfe zu vermeiden.

Was bereits jetzt möglich ist, überall in Frankreich, in jedem Dorf, in jeder Stadt, egal wie viele Teilnehmer erwartet werden, ist eine Demonstration am 1. Mai unter Einhaltung der Sicherheitsabstände und dabei maskiert zu sein!

Es gibt Risse in der globalen Eindämmung und Demonstrationen werden organisiert, trotz der vielleicht notwendigen, aber gewaltsam durchgesetzten Distanzierungsmaßnahmen:

Am 4. April in Montreuil Demonstration des Kollektivs “des Baras” zur Forderung von “Papieren und Unterkunft”.

Am 11. April brach in Brüssel nach dem Tod eines 19-jährigen Jungen, der von einem Polizeiauto angefahren wurde, ein Aufruhr aus.

Am 11. April fand in Rom die Beerdigung eines ehemaligen Revolutionärs der Roten Brigaden statt, an der etwa 50 Personen teilnahmen.

In der Nacht vom 19. auf den 20. April kommt es in mehreren französischen Arbeitervierteln zu Aufständen, nachdem ein Mann in Villeneuve-la-Garenne nach einem gewaltsamen Versuch der Polizeiverhaftung schwer verletzt wurde.

Am 20. April zweite Kundgebung aus Solidarität mit den Opfern der Polizeigewalt in Montreuil.

Im Libanon: In vielen Städten fanden Demonstrationen gegen die Regierung, den Kaufkraftverlust und die Korruption der Eliten statt: Straßenblockaden, Barrikaden, Zusammenstöße, zerstörte Banken usw.

In Tunesien: kollektiver Widerstand gegen die Gefangenschaft und die Verhaftungen in Sahline. Konfrontation mit den Polizisten, die Straßenverkäufer zerstreuten und Reifen auf der Straße verbrannten. Mehrere Verhaftungen.

In Chile: Die Gefangenschaft hält die seit Monaten andauernde Welle der Revolte nicht auf. In Santiago und in mehreren Städten fanden feurige Demonstrationen statt.

In Kolumbien, in der Stadt Medellín, eine Demonstration, um mehr Lebensmittel zu erhalten, und der Versuch, einen Supermarkt zu plündern.

Überall auf der Welt gab es ständig nicht angemeldete wilde Demonstrationen.

Für einen offensiven und lebendigen 1. Mai.

Lang leben die kopflosen Demonstrationen!

Lang leben die Umzüge ohne Umzüge!

Signé X

  1. Schweif, Kopf, Körper,… im Original wird unübersetzbar mit der Doppeldeutigkeit von Begriffen und Begrifflichkeiten gespielt
  2. Demonstrationsrouten werden in Frankreich bei der Präfektur hinterlegt, in Deutschland angemeldet, ein kleiner, feiner Unterschied
  3. Aufgrund der auch in diesem Aufruf beschrieben Entwicklung gab es in dieser Phase den Versuch aus der taktischen Sackgasse der dauerhaften von den Bullen letztendlich kontrollierten Konfrontation auszubrechen, indem zu “Festlichen Blöcken” aufgerufen wurde, die auch jenen eine Teilnahme ermöglichen sollte, die der dauerhaften Repression nicht mehr gewachsen waren

Paris- 1. Mai: Ein Aufruf zu unkontrollierbaren Demonstrationen/Aktionen

Appell an die bevÖlkerung,eine ansteckung zu vermeiden

Wenn ihr einen Straßenhändler*in auf der Straße seht, ruft nicht die Polizei, um die Person anzuzeigen. Geht hin und kauft etwas von dem Verkäufer*in.

Wenn ihr merkt, dass sie keine Maske tragen, schreit sie nicht an, sondern versucht, denen eine zu besorgen. Seid keine Bullen.

Wenn ihr hört, dass der Nachbar*in Symptome zeigt, solltet ihr nicht aus dem Fenster schauen, um zu sehen, ob er oder sie einkaufen geht. Fragt sie, ob sie etwas brauchen. Seid keine Bullen.

Wenn ihr Leute in eurer Nachbarschaft herumlaufen seht, versucht, nicht das Schlimmste anzunehmen, ruft nicht die Polizei. Vielleicht mussten sie zur Arbeit gehen. Viele Menschen haben nicht das Privileg, sich zu Hause mit einem vollen Kühlschrank einzuschließen. Seid keine Bullen.

Wenn ihr einkaufen gehen müsst, blickt die Menschen um euch herum nicht aus Angst vor einer Infektion hasserfüllt an. Sagt einfach Hallo. Unterhaltet euch. Andere Menschen sind nicht eure Feinde. Seid keine Bullen.

Wenn ihr jemanden trifft, der oder die auf der Straße lebt, überquert die Straße nicht aus Angst. Wenn ihr könnt, bietet ihnen Essen, eine Maske und Wasser an. Seid keine Bullen.

LASST UNS DAS BULLEN-VIRUS NICHT VERBREITEN.

Es ist ein Virus, das uns nicht in Ruhe lassen wird

 

Lasst uns das Bullen-Virus nicht verbreiten – Es ist ein Virus, das uns nicht in Ruhe lassen wird

Chroniken des Ausnahmezustandes Nr. 1 – Wandzeitung aus #Trentino

Viren kommen nicht von einem anderen Planeten

Krankheit spiegelt immer die Lebensweise (des Produzierens, Essens, Bewegens usw.) einer Gesellschaft wider. Eine Medizin, die nicht von dieser Tatsache ausgeht – was heutzutage eine klare Infragestellung der Industriegesellschaft nach sich zieht – kann nur die Auswirkungen von Krankheiten abfedern, ohne zu ihren Ursachen zurückzugehen. Es ist kein Zufall, dass sich der erste Ausbruch des Coronavirus in einem Gebiet wie Chinas entwickelt hat, das von großer städtischer Konzentration und starker industrieller Verschmutzung geprägt ist. Es ist kein Zufall, dass sich die ersten Ausbrüche in Italien in den am stärksten industrialisierten und verschmutzten Gebieten entwickelten. Wenn die Schädlichkeit und die von ihnen verursachten Umweltumwälzungen nicht beseitigt werden, werden sich gesundheitliche Notfälle wiederholen.

Gesundheitswesen

Beschäftigte im Gesundheitswesen, die Schutzanzüge aus Müllbeuteln herstellen und Laken zur Herstellung von Masken verwenden; ständige Alarmbereitschaft hinsichtlich begrenzter Ressourcen für die Intensivpflege. Wie konnte dies geschehen? Darüber wird in den täglichen Chroniken der Angst nicht gesprochen, so dass von Verantwortung keine Rede sein kann. Seit 1978 war das Gesundheitswesen zwischen rechten und linken Regierungen den kombinierten Auswirkungen von Kürzungen und Privatisierungen ausgesetzt. Mit der fortschreitenden Umwandlung des Gesundheitswesens in ein Unternehmen wurden Strukturen, Personal, Abteilungen und unrentable Therapien abgebaut, insbesondere alles, was mit Präventivmedizin zu tun hatte. Aus diesem Grund wurden die Krankenhausbetten um die Hälfte und die Notfallbetten um weniger als die Hälfte reduziert. Während medizinische und politische Metaphern zunehmend explizit militärisch sind (das Virus ist der Angreifer, der Körper wird belagert, die Gesellschaft befindet sich im Krieg, die Regierung setzt die Armee ein), verschwindet der eigentliche Feind der individuellen und kollektiven Gesundheit: die Logik des Profits.

Den Virus zu stoppen bedeutet, alle zu befreien

Beginnend am Samstag, dem 7. März, und während der gesamten folgenden Woche gab es Proteste in rund vierzig Gefängnissen in ganz Italien. In mindestens dreißig dieser Gefängnisse kam es zu regelrechten Ausschreitungen. Mehr als sechstausend Gefangene nahmen an den Unruhen teil, wobei Teile der Gefängniseinrichtungen zerstört und in Brand gesteckt, Gefängniswagen in Brand gesteckt, Gefangene auf den Dächern gefangen genommen, Massenausbrüche verübt, Wachen als Geiseln genommen und das Gefängnis von Modena dank der Schäden „de facto“ geschlossen wurde. Der Staat zeigt seine Muskeln: die schnelle Reaktion und die Spezialeinheiten des Strafvollzugs greifen ein, die Wachen umzingeln die Gefängnisse mit Waffen in der Hand, in Apulien wird die Armee eingesetzt, um die entflohenen Gefangenen zu blockieren, in Modena berichten Angehörige, dass sie echte Schüsse gehört haben. Und dann Massenprügel und Verlegungen. Das Ergebnis ist sehr hart: 15 Gefangene sind tot. Ihr Tod wird schnell vertuscht, es ist die Rede von Todesfällen, die „zum größten Teil“ verursacht wurden… durch Überdosierung von Psychopharmaka und Methadon.

Der Funke, der das Feuer auslöste, ist die Aussetzung des Besuchs als lächerliche Maßnahme, um die Ansteckung einzudämmen (Verwandte wären möglicherweise infiziert… die Wachen nicht? ) zusammen mit dem Bewusstsein, angesichts der Gefahr einer Epidemie wie Mäuse in der Falle zu sitzen (es gab bereits Fälle in Brescia, Mailand, Voghera, Pavia, Lecce, Modena und Bologna), das Pulverfass widerum besteht aus unmenschlichen Lebensbedingungen: eine heftige Überbelegung, Gewalt durch die Wachen, Unmöglichkeit des Zugangs zu alternativen Maßnahmen.

Amnestie und Begnadigung: Die Bitten der Gefangenen wären zu diesem Zeitpunkt nichts anderes als eine Maßnahme im Bereich der öffentlichen Gesundheit, um den Schaden der Ausbreitung der Ansteckung in überfüllten Umgebungen (bis zu 8 Gefangene pro Zelle) zu begrenzen. Während im Iran zur Eindämmung der Ansteckung 70.000 Gefangene mit Strafen unter fünf Jahren aus der Haft entlassen wurden, haben sie in Italien nach Protesten, Unruhen und einem regelrechten Massaker durch den Staat die Möglichkeit erhalten, in Heimgefängnisse (Hausarrest, Enough14) für diejenigen mit Strafen unter sechs Monaten und in Heimgefängnisse mit elektronischen Armbändern für diejenigen, die Strafen unter achtzehn Monaten verbüßen müssen, zu gehen. In Wirklichkeit verschlechtert sich die Situation eher, als dass sie sich verbessert (das geltende Gesetz sieht bereits die Möglichkeit des Hausarrests vor), wenn Personen mit einer Strafe von weniger als drei Jahren und ohne elektronisches Armband vorbehaltlich der Zustimmung des Aufsichtsrichters nach Hause gehen. Ganz zu schweigen davon, dass 34,5% der Gefangenen in Italien auf ihren Prozess warten und gar keine Strafe zu verbüßen haben. Diese schwachen Maßnahmen wären ohne eine entschiedene und mutige Machtprobe der Gefangenen nicht zustande gekommen, im Bewusstsein, dass die Realität ihnen kein Entkommen lässt: entweder Inhaftierung und Tod oder Revolte und Leben.

Generalstreik!

Obwohl auf institutioneller Ebene verkündet wird, dass alle nicht lebensnotwendigen Aktivitäten eingestellt werden müssen, sind immer noch viele Fabriken geöffnet. Auch solche mit einer sehr hohen Konzentration von Arbeiter*Innen, die sowohl während der Produktion als auch in der Kantine in engem Kontakt stehen (und in der Zwischenzeit patrouillieren die Ordnungskräfte mit Sirenen, welche auf Radwegen, in Parks und Wäldern auf der Suche nach den „Quacksalbern“ eingesetzt werden). Währenddessen produzieren Mobilfunkfirmen Massenaufzeichnungen, um die Bewegungen von Einzelpersonen zu „verfolgen“). Auch in Trentino wurden, wie im übrigen Italien auch, Streiks in mehreren Fabriken gemeldet (Dana, Pama, Fly, Siemens44, Mariani, Sapes, Tecnoclima, Ebara…), zu denen noch die vielen Beschäftigten hinzukommen, die ganz einfach beschlossen haben, auch ohne Streik zu Hause zu bleiben. Dies ist nicht nur eine verständliche Reaktion aus Angst heraus angesichts des Virus, sondern ein Beitrag zur Gesundheit aller. Diese Streiks müssen unterstützt und auf alle Produktionssektoren ausgedehnt werden, welche nicht unbedingt notwendig sind. Wenn Gesundheit nicht mit Profit vereinbar ist, dann lasst sie schlecht für den Profit sein.

Alle im selben Boot?

Wir sind in diesen Tagen Zeuge einer massiven Einführung einheitlicher Netzwerke nationalistischer Rhetorik: „Alle zusammen gegen den gemeinsamen Feind“. In dieser Trikolore (die italienische Nationalflagge hat 3 Farben, Enough 14) erzählen sie die materiellen Lebensbedingungen, die keineswegs für alle gleich sind, seien wie von Zauberhand verschwunden (um zu Hause zu bleiben, muss ich ein Zuhause haben und in der Lage sein, es zu erhalten…). Aber schauen wir ein wenig weiter. Wenn es unmöglich ist, genaue Vorhersagen darüber zu machen, was danach passiert, ist eines sicher. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser „Gesundheitskrise“ werden innerhalb der Gesellschaft ein sehr differenziertes Gewicht haben. Millionen von Menschen werden mit dem praktischen Problem konfrontiert sein, etwas zu haben, wovon sie leben können. Die wiedermal gleichen Kredite der Europäischen Zentralbank werden wiedermal überhaupt nicht kostenlos sein, sondern neue Sparmaßnahmen auferlegen, die vor allem die Ärmsten betreffen werden. Das Boot wird von denen geschoben werden, die bereits halb unter Wasser sind. Erinnern wir uns daran, wenn die Melodie der Mameli-Hymne verstummt.

 

Chroniken des Ausnahmezustandes Nr. 1 – Wandzeitung aus #Trentino

Aufruf zur finanziellen Unterstützung des Solidaritätsfonds für Gefangene und verfolgte Kämpfer_innen

Aufruf zur finanziellen Unterstützung des Solidaritätsfonds für Gefangene und verfolgteKämpfer_innen

Der Solidaritätsfonds für Gefangene und verfolgte Kämpfer_innen wurde 2010 gegründet, in einerSituation, in der einerseits die harte kapitalistische Neustrukturierung durch die Finanzkriseangeschoben wurde, und sich andererseits die radikale Bewegung mit den jüngsten Erfahrungen desgesellschaftlichen Ausbruchs im Dezember 2008 in seiner Blüte befand. Unter diesen Umständenwar die Unterdrückung nochmal heftiger, mit dem Ergebnis eines immer höheren Anstiegs der Zahlpolitischer Gefangener. In genau diesem Rahmen fand sich der Solidaritätsfonds zusammen, dessenerstes Ziel die konsequente und kontinuierliche Unterstützung derer war, die wegen ihrersubversiven Aktionen oder ihrer Teilnahme an gesellschaftlichen Kämpfen verfolgt oder inhaftiertwerden.

Grundlegendes Ziel der Struktur stellt die Absicherung eines würdevollen Lebens für diegefangenen Genoss_innen durch ein Verfahren der Bewegung dar, das die materielle Dimension derSolidarität einen Schritt über die engen familiären, freundschaftlichen, politischen Beziehungenhinaus bringt, sowie der Beistand zur sofortigen Deckung besonderer Ausgaben (Gerichtskostenund Kaution). Darüber hinaus gehören zu den Prioritäten der Menschen, aus denen die Strukturbesteht, die tatsächlichen Solidaritätsbewegungen, die Bildung von Brücken der Kommunikationderer drinnen mit denen draußen und die Entfachung gesellschaftlicher Kämpfe innerhalb undaußerhalb der Mauern.

Von 2010 bis heute versucht der Fonds, eine konsequente und kontinuierliche politische, moralischeund materielle Unterstützung für die Sammlung von Geldern aufzubauen, die primär herrührt ausder persönlichen, bewussten Teilnahme jeder_s Einzelnen von uns, aber auch aus Gruppen undKollektiven, indem diese zur Fortsetzung der praktischen Solidarität beitragen. Dennoch resultiertaus der andauernden staatlichen Unterdrückung eine große Anzahl politischer Gefangener undGerichtskosten, und im weiteren Sinn der gestiegene materielle Bedarf. Momentan unterstützt derFonds auf monatlicher Basis 24 Gefangene (Athanasopoulou Konstantina, Valavani Dimitra,Jantzoulou Konstantino, Dimitraki Janni, Koufontina Dimitri, Kostari Irakli, Michailidi Janni, XiroSavva, Petrakako Jorgo, Sakka Kosta, Seïsidi Mario, Stathopoulou Vaggeli, Christodoulou Spyround 11 türkische und kurdische Kämpfer). Außerdem versuchen wir in vielen Fällen im Rahmen derMöglichkeiten Gerichtskosten und Kautionen von Genoss_innen zu decken, die aufgrund ihrerpolitischen Identität, ihrer Aktionen oder sogar wegen verwandtschaftlicher/politischerBeziehungen verfolgt werden, die sie zu inhaftierten Kämpfer_innen haben.

Innerhalb dieser 10 Jahre in denen wir aktiv sind, haben wir uns an Genoss_innen, Treffpunkte undKollektive gewandt, weil die Absicherung der finanziellen Mittel immer ein schwierigesUnterfangen darstellte. Die Solidarität und Teilnahme der Genoss_innen sowohl aus Griechenland,als auch aus anderen Ländern, ist der wesentliche Grund, aus dem wir kontinuierlich Seite an Seitemit den Gefangenen stehen. In der Situation die wir momentan durchlaufen, speziell aufgrund derneuen Tatsache der Ausbreitung des Virus‘ und der einschränkenden Maßnahmen, die der Staat ausdiesem Anlass implementiert hat, ist die Sicherung der Mittel zur materiellen Unterstützung derer,die innerhalb der Mauern sitzen, nochmal extra schwierig. Vielleicht schwieriger als je zuvor.Etwas, dass leider zu den ohnehin schon schwierigen Momenten, mit denen die Genoss_inneninnerhalb der Mauern konfrontiert sind, sowie darüber hinaus auch alle anderen Gefängnisinsassen,hinzukommt. Und das ist der Grund, aus dem wir uns wieder an alle Genoss_innen wenden.

Die Überbelegung der griechischen Gefängnisse mit dem erzwungenen Gedränge der Gefangenenin Zellen und Kammern die an menschliche Bienenkörbe erinnern, die unzulängliche – und ineinigen Fällen – nicht vorhandene medizinische Versorgung, die nicht-Gewährung der Möglichkeitzum Selbstschutz (Verbot der Versorgung von medizinischem Material, wie Antiseptika), dasEinsperren von besonders gefährdeten Gruppen der Bevölkerung (alten und kranken Menschen)schaffen Bedingungen für den Ausbruch einer Pandemie mit deutlich höheren Sterberaten als die inder Gesellschaft draußen. So etwas kann für viele Menschen innerhalb der Gefängnisse einerTodesstrafe gleich kommen. Eine Beunruhigung die einen Dominoeffekt in den Gefängnissenhervorgerufen hat, mit grundlegenden Forderungen nach Verringerung der Belegung und derEinhaltung grundlegender Schutzmaßnahmen für die Gefangenen. Ausgangspunkt derMobilisierung waren die inhaftierten Frauen von Korydallos und im weiteren Verlauf wurde sieausgedehnt auf die Gefängnisse in Chania (Kreta), Agios Stefanos (Patras), Larissa, wobeiinnerhalb dieses Zeitraums ein Text veröffentlicht wurde, mit der Unterzeichnung 856 Gefangeneraus allen Flügeln des Männergefängnisses in Korydallos.

In diesem Zustand also folgen der Staat und seine repressiven Mechanismen einem bekannten Weg.Während überhaupt keine wesentlichen Maßnahmen für den Schutz der Gefängnisinsasseneingeführt werden, unterbrechen sie ihren Kontakt zur Außenwelt, indem sie den Besuch vonVerwandten und Änwält_innen verbieten und sichtbare Repressalien und Vergeltungsmaßnahmen inBrennpunkten des Protests einleiten: Entführungen-Verlegungen von Genoss_innen/Kämpfer_innenim Fall der Mobilisierung der gefangenen Frauen von Korydallos mit der Entführung zweierweiblicher Gefangener und ihrer Verlegung in die Gefängnisse von Theben unter Quarantäne (eineder beiden ist die politische Gefangene Pola Roupa, Mitglied des Revolutionären Kampfs, währendeinige Tage später eine gewaltsame Verlegung in den Gefängnissen von Domokosdes ebenfallspolitischen Gefangenen und RK-Mitglieds Nikos Maziotis), Entzug des Hofgangs der Gefangenenin den Gefängnissen von Chania, die Invasion von Bullen, Durchsuchungen und Beschädigung von Zellen in den Gefängnissen von Patras. Parallel dazu erstellen sie Anklageschriften gegenGenoss_innen, die Verfolgungen und Verhaftungen von Kämpfenden weiterführend, mitten unterden allgemeinen Umständen einer Pandemie, an die fortdauernden Prioritäten des Staates erinnernd,im gleichen Moment, in dem ihre Bekanntmachungen zu Maßnahmen der Entzerrung der Belegungvon Gefängnissen eine kleine – in Bezug zur Gesamtzahl – Zahl Gefangener betrifft, nicht mehr als 1500.

Als Fonds, zum bestehenden Zeitpunkt, geben wir unsere Entscheidung bekannt, alle unseregeplanten öffentlichen Aktionen für die nahe Zukunft einzustellen, hingegen aber nicht unsereSolidarität gegenüber den politischen Gefangenen. In dieser schwierigen Situation, die wirdurchleben, kommen wir in die schwierige Lage, die vorläufige Verringerung der Mittel, mit denenwir materiell die eingesperrten Genoss_innen unterstützen, bekannt zu geben, diesbezüglich aberversuchend, ihre konsequente Unterstützung auch im kommenden Zeitraum irgendwieaufrechtzuerhalten.

Genossinnen und Genossen, in Griechenland und im Ausland, der Solidaritätsfonds ist in diesemMoment mit einem ernsthaften existenziellen Problem konfrontiert und mit dem Problem dergrundsätzlichen Arbeitsfähigkeit eines seiner Felder, der finanziellen Unterstützung der gefangenenKämpfer_innen. Seine Unfähigkeit aufgrund der gegenwärtigen Bedingungen dieser Zeit, die Mitteldurch seine öffentlichen Aktionen zu sichern, werden in den Sommermonaten in eineunauswegsame finanzielle Lage führen und die Unterstützung der politischen Gefangenen praktischunmöglich machen. Die einzige Weise, das zu vermeiden, ist die materialle/finanzielleUnterstützung durch die breite widerständige Bewegung. Durch alle Menschen und alle Kollektive,die die gefangenen Kämpfer_innen als Teil der Welt des Kampfes begreifen, den wir alle – so, wiewir können – gegen die barbarische Welt der Herrschenden führen. Die Parole „Niemand alleine inden Händen des Staates“ wird in diesen Tagen notwendiger und offenkundiger denn je. Wir rufeneuch dazu auf, diese noch einmal in der Praxis zu verteidigen. Die praktische Solidarität wirdwieder einmal unsere Waffe sein.

BIS ZUM ABRISS AUCH DES LETZTEN GEFÄNGNISSES

NIEMAND VON UNS IST FREI

SOLIDARITÄT MIT DEN POLITISCHEN GEFANGENEN

Solidaritätsfonds für Gefangene und verfolgte Kämpfer_innen

Kontaktmail für finanzielle Unterstützung: tameio@espiv.net

https://athens.indymedia.org/post/1604303/

Ein Aufruf aus Italien fur 25.04.2020

Italien, 3. April 2020.

Seit einigen Wochen sind fast drei Milliarden Menschen in einen Hausarrest gezwungen worden. In Italien, wie auch in anderen Teilen der Welt, wurden die ersten Menschen, die sich gegen die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen aufgelehnt haben, die Menschen im Gefängnis, brutal unterdrückt, wobei es Tote und Verletzte gab.

Während die Wissenschaft widersprüchliche Hypothesen aufstellt, behauptet ein Teil der Wissenschaftsgemeinde, dass die Quarantäne-Zeit, wenn auch in wechselnden Phasen, mindestens bis zum nächsten Jahr andauern wird. Der Staat hat jedoch bereits entschieden, welche Wahrheit bekannt gemacht werden soll, um die getroffenen Maßnahmen zu rechtfertigen. Die erzwungene Isolation zu Hause wird verlängert, der einzige Vorschlag, der der Bevölkerung gemacht wird, ist, zu gehorchen und durch Überwachung und Selbstüberwachung abzuwarten… aber wie lange?

Vorläufig wurde das Ende der Maßnahmen auf den 13. April vertagt, aber es wird höchstwahrscheinlich weitere Verlängerungen geben…

Der 25. April ist der Tag der Befreiung. Befreiung nicht nur vom Faschismus, sondern von allen Formen der Unterdrückung.

Die Unterdrückung des Lebens in einer Welt, in der alle Bewegungen ständig kontrolliert und überwacht werden, mit Kontrollpunkten, allgegenwärtigen Soldaten, Drohnen, Kameras, elektronischen Fußfesseln. Die Repression, die man individuell als Salbung der Kranken verkauft, wenn jemand das Gesetz nicht respektiert und denkt, dass Sozialität und die Möglichkeit des Ausstiegs nicht Verhandlungsmasse sind im Austausch für die Sicherheit des Überlebens.

Die Unterdrückung des Lebens in Angst vor dem Unsichtbaren, denn das Problem ist nicht das Virus, sondern die ökologischen und sozialen Bedingungen, unter denen es sich ausbreitet.

Das Problem ist der Klimawandel, der die natürlichen Zyklen verändert, es ist die Überbevölkerung der Städte, es ist die Standardisierung von Nahrung und Immunreaktionen, es ist die Geschwindigkeit der Mobilität auf der gesamten Erdoberfläche. Man sagte uns, dass wir diese Probleme akzeptieren und unseren Gehorsam gegen eine gewisse Sicherheit eintauschen müssten.

Diese Gewissheiten haben versagt…

Dieser Virus ist nach der Wirtschafts- und Umweltkatastrophe die letzte – bis heute – auferlegte Katastrophe einer Gesellschaft, die auf Beherrschung, quantitativer Anhäufung und Ausbeutung des Planeten, der Tiere, der Menschen und anderer beruht.

Aus diesem Grund schlagen wir – in der Hoffnung, die Ereignisse zu überwinden – vor, dass wir am 25. April an möglichst vielen Orten auf die Straße zurückkehren, um uns erneut zu treffen, uns der Angst zu stellen, gegen die weit verbreitete Überwachung zu kämpfen und die unverantwortliche Rhetorik anzugreifen, die uns alle als ansteckend ansieht. Mit der Intention, dass es kein isolierter Tag sein wird, wollen wir aus der Quarantäne entkommen, indem wir die Konsequenzen unserer Handlungen akzeptieren, unsere Gesichter bedecken, weil wir die freie Wahl haben, uns selbst und andere zu schützen, und auch, weil Dinge mit der Freiheit der Anonymität geschehen könnten, die normalerweise undenkbar wären…

Wenn man passiver Zuschauer der Katastrophe bleibt, indem man die Inhaftierung akzeptiert, wird man das Auftreten neuer Katastrophen nicht verhindern, wenn überhaupt, wird es die Qualen, die wir bereits erleben, noch verlängern. Wir können zuversichtlich bleiben und gehorchen, während die Welt weiterhin ein Ort ist, an dem das Leben zwischen totaler Kontrolle, zerstörter Sozialität und ökologischer Katastrophe verleugnet wird. Oder die Ursachen für diese Katastrophe identifizieren, aufhören zu gehorchen und handeln, um zu verhindern, dass die Dystopie weitergeht.

Und um endlich die Möglichkeit der Befreiung zu erfahren…

Ein überfälliger Ausbruchsversuch

Der Wahnsinn hat die Welt in Besitz genommen. Nun könnte man einwenden, dies sei keine Angelegenheit der Postmoderne, vielleicht erlebe man auch nur die Wiederkehr des Lykurgos, der für seine Untaten wahlweise dem Wahn verfiel und seinen eigenen Sohn und all seine Familie, ja seine ganzen Freundeskreis umbrachte, um sich dann selber zu richten, oder, da gehen die Überlieferungen auseinander, anschließend von den empörten Menschen gefangen genommen und dann gevierteilt worden sei. So oder der so, der Wahn greift um sich, greift nach den dir Nächsten, nach denen, an denen noch gestern dein Herz hing oder in die du Hoffnung gesetzt hast.

Neu und evident an dem Wahn, der nun durch die Welt eilt, ist die Geschwindigkeit, mit der er durch die Welt eilt, dabei alle Grenzen überwindend und dabei das Virus, dass ihn in die Welt gesetzt (oder das ihn wieder an die Oberfläche gebracht hat, die Meinungen gehen da auseinander) überflügelnd. Man könnte, nein muss sagen, dass die wirkliche Pandemie der Wahn ist, der von den Menschen Besitz ergriffen hat. Die dünne Tünche der Zivilisation bricht innerhalb weniger Tage zusammen, Direktive und Narrative, die scheinbar Diktatoren und Despoten vorbehalten waren, machen sich in den sogenannten westlichen Demokratien breit. Selektion von Kranken, Überwachung aller Bewegungen unter freiem Himmel, Drohnen stehen über den großen Städten, Lautsprecherwagen fahren durch die menschenleeren Straßen, fordern die Bewohner auf in den Häusern zu bleiben. Wer sich an die frische Luft wagt, soweit das überhaupt noch gestattet ist, blickt in panische Augenpartien, notdürftig verhüllte Gesichter, alle gehen gebückt und gehetzt. Wer jetzt noch aufrecht steht, dem werden sie das auch noch austreiben.

An die frische Luft soll der Mensch ja aber auch noch zum Beispiel in Berlin, in die Arbeit natürlich, aber auch um sich ein wenig zu ertüchtigen oder ein paar Runden im Kreis zu drehen. Genau die Privilegien, die einem in den Knast Geworfenen auch noch verbleiben. Und so dreht man zu zweit seine Runden durch den Knasthof und vergeht vor Rührung, wenn der Senat verkündet, er wolle nicht so sein, man könne sich ruhig in Zukunft ein bisschen auf die Bank setzen. Und alles klatscht und applaudiert dem Großmut der Lenker des Staates und wenn der demnächst sagt, alle sollen jetzt mit einer Maske vor dem Gesicht zum Knastgang erscheinen, die wissenschaftlichen Hypothesen über die Wirksamkeit solcher Maßnahmen hätten sich über Nacht um 180 Grad gedreht (man kennt das ja in der Wissenschaft, eben war die Welt noch eine Scheibe und man hat alle geviertelt, die was anders behauptet haben, aber schwups, sieht die Sache ganz anders aus), dann wird da auch gemacht. Punkt. Und wenn der Staat zu blöde ist, genug von diesen Pfennig Artikeln zu beschaffen oder sich die von den Amis wegschnappen lässt, dann wird halt Zuhause gebastelt was das Zeug hält, vorneweg die Linken, die natürlich ganz vorne dabei waren mit ihren DIY Anleitungen. Kommt ja so oder so aufs selbe raus. Ob man die Dinger nun im Hausarrest selber macht oder eben von den Knackis in den echten, alten Knästen produzieren lässt.

Und wo man es sich endlich so richtig gemütlich gemacht hat in der regressiven Hoffnung, die da oben werden schon für uns alle sorgen und es eigentlich überfällig ist, dass die Feuerzangenbowle in Dauerschleife versendet wird, kommen irgendwelche Störenfriede daher. Behaupten, dass das ganze Zahlenwerk, auf dem ja die Maßnahmen des Ausnahmezustandes begründet seien, rein hypothetischer Natur sein und dass man bestimmte Freiheitsrechte verteidigen müsse. Und zwar besonders, da es noch gar keine ausgemachte Sache sei, dass die ergriffenen Maßnahmen zielführend sein. Präsentieren eigene Hypothesen und Zahlen und haben auch noch die Unverschämtheit darauf hinzuweisen, dass sie selber vom Fach sein, sogar ein gewisses Renommee vorzuweisen hätten.

Aber mit Mutti und dem treuen RKI ist da nicht zu spaßen. Besonders nicht mit dem Robert Koch Institut und dessen Leitung, das hatte noch Anfang März erklärt “die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung wird in Deutschland aktuell als mäßig eingeschätzt” und weiterhin das Influenzavirus als bedrohlicher eingeschätzt. Aber das mit der 180 Grad Wende hatten wir ja schon oben. Und wenn man sich erstmal um 180 gewendet hat, muss man umso bestimmter auftreten, sonst erinnern sich die Leute vielleicht noch an den Blödsinn, den man davor verzapft hat.

Streng die Stirne in Falten gelegt werden die Bedenkenträger also in die Schranken gewiesen und das gesunde Volksempfinden ruft: “Mörder, Mörder”, so als ob die abtrünnigen Wissenschaftler mit Koffern voller Viren durch die Alters-und Pflegeheime tingeln würden, um die armen wehrlosen Menschen dort zu infizieren. Und vorneweg die Linken und ihre Medien, von taz bis ND, Unterordnung und die Reihen fest geschlossen predigend. Und die Szeneblase mittenmang. Eh alles schon nur noch Alibi und nutzlose Diskursdiskussion, da kann man gleich auf Kurvendiskussion umstellen.

Wie aber nun raus aus dem Schlamassel, und wird es eine Welt nach dem Wahn geben und möchte man in ihr überhaupt noch leben? Die Genossen vom Wu Ming Kollektiv, die ja schon seit etlichen Wochen in völligem Hausarrest festsitzen fragten neulich : “Und was ist mit der nächsten Epidemie, was werden wir tun?” Denn diese wird kommen. Wenn die grundsätzlichen Bedingungen, die diese Pandemie möglich gemacht haben, nicht radikal beseitigt werden. Doch dieser Kampf ist nicht zu führen, wenn wir, die wir resistent gegen den Wahn (geworden, vielleicht waren wir ihm ja auch eins verfallen) sind, uns nicht treffen und organisieren können. Vielleicht wird es dazu nötig sein, zuerst kleine taktische Erfolge zu erzielen. Die Aktionen in den französischen Vorstädten gegen die Ausgangssperre war so ein Beispiel. Einen Konflikt (mit den Bullen) auf kleiner Flamme am köcheln halten, sodass der Gegner entweder die totale Konfrontation sucht (mit der Gefahr, dass sich für ihn die Dinge zuspitzen), oder sich eben teilweise zurückzieht (wie es auf Anweisung von ganz Oben geschehen ist).

Das Vorgehen der Bullen am Kotti gegen die Aktion von 100 Leute am 28.3. hat auch gezeigt, dass sich unser Gegner seiner Sache auch nicht sicher ist, sonst wären sie viel härter vorgegangen. Bisher haben die Bullen und sonstigen Repressionsorgane die Lage gut im Griff, aber auch für sie ist die Überwachung und Kontrolle einer 3 Millionen Stadt im Ausnahmezustand ein völlig neues Szenario. Sie werden immer schauen, wie sich die Stimmung entwickelt und vielleicht auch mal eher als sonst zurückziehen, um im Gegensatz zu sonst eine Eskalation zu vermeiden. Noch regiert der Wahn und die Unterwerfung die Stadt (und natürlich grosse Teile der Welt), aber wenn die Angst nachlässt ( und dies ist ein Naturgesetz einer kollektiven Panikreaktion) werden Spielräume entstehen. Die zahllosen ersten Zusammenstöße in den Ländern des Trikonts künden davon. Vielleicht wird der 1. Mai (erstmalig nach vielen, vielen Jahren) ein Ort sein, um Terrain zu besetzen, sich mit denen zu verbünden, die auch Resilienz gegen den Wahn gebildet haben. Einen Versuch wird es wert ein. Es scheint, dass die erste Schockstarre überwunden ist, sich erste Bezüge finden, die versuchen die Situation zu analysieren und daraus erste Schritte abzuleiten.

In diesem Zusammenhang eine Übersetzung aus Italien, in der dazu aufgerufen wird, den Hausarrest am Gedenktag der Befreiung vom Faschismus, also am 25. April, massenhaft zu brechen

https://plagueandfire.noblogs.org/ein-aufruf-aus-italien-fur-25-04-2020/

Vertraut nur!, Jacques Ellul

Natürlich sind Atomkraftwerke absolut zuverlässig. Es versteht sich von selbst, dass die aufgehäuften Raketen, die U-Boote und Kampfflugzeuge, die Neutronen- und Wasserstoffbomben, die giftigen Produkte abseits vom Krieg, die Fässer und Behälter mit radioaktiven Abfällen und Dioxin, die Haufen von Blei und Quecksilber, die immer dickere Schicht Kohlendioxid, all das ist nicht gefährlich. Genauso wenig, so wird man uns sagen, wie 1850 die Leuchtgase oder die ersten Eisenbahnen gefährlich waren.


Arme Schwachköpfe, die wir Verräter des Fortschritts sind, nichts haben wir verstanden. Niemals wird jemand den letzten der letzten Kriege führen.
 Niemals werden sie die 500.000-Tonnen-Tanker versenken, noch werden sie auf irreparable Weise Offshore-Sonden in dreitausend Metern Tiefe irreparabel bohren. Niemals wird die Gentechnik ausscheren, um Monster oder Wesen zu erzeugen, die dem festgesetzten Modell vollkommen entsprechen.
 Niemals werden Downers, Beruhigungsmittel, Anxiolytika eine verallgemeinerte chemische Zwangsjacke sein.
 Niemals werden künstliche Lebensmittel, die durch “intelligent” eingesetzte Bakterien hergestellt werden, verfaulen.
 Niemals wird die Informatik ein Instrument einer überall präsenten Polizei sein.
Niemals werden die Kameras, die in jeder Strasse aufgebaut werden, das Auge jener sein, die auch den letzten Winkel ausleuchten wollen und nicht das Auge eines Gottes, der sonst nur Einbildung war.

Niemals wird der Staat totalitär werden.
Niemals wird sich der Gulag ausdehnen.

Vertraut nur. Vertraut also nur den Wissenschaftlern, den Laboratorien, den Staatsmännern, den Technikern, den Verwaltungsangestellten, den Stadtplanern, die alle nur das Wohl der Menschheit wollen, die das Heft in der Hand halten und die richtige Richtung kennen.Vertraut nur, den Analytikern, den Informatikern, den Hygienikern, den Wirtschaftswissenschaftlern, den Hütern der Stadt (oh Platon, jetzt haben wir sie!).Vertraut ihnen nur, denn Ihr Vertrauen ist für diese Hexerei unerlässlich.

[La foi au prix du doute, 1980]

Vertraut nur! [Jacques Ellul]

You’ll never riot alone

Heute gibt es auf der ganzen Welt eine weitere Pandemie. Die WHO befasst sich überhaupt nicht mit dieser, da sie nicht in ihrer Zuständigkeit liegt und die Medien versuchen, sie zum Schweigen zu bringen oder zu minimieren. Aber die Regierungen der ganzen Welt sind besorgt über das damit verbundene Risiko. Diese Pandemie breitet sich im Fahrwasser des biologischen Virus aus, das momentan die Krankenhäuser füllt. Sie ist kurz gesagt parallel dort zu finden, wo Covid-19 vorbeikommt. Auch sie raubt einem den Atem. Die Angst vor einer Ansteckung verursacht auch tatsächlich Wut. Die ersten Symptome des Unwohlseins neigen dazu, sich zu verschlimmern und sich zunächst in Frustration, dann in Verzweiflung und schließlich in Wut zu verwandeln. Wut über das Verschwinden der letzten Krümel von Lebemöglichkeiten und das auf ärztliche Anordnung.
Es ist bezeichnend, dass bei der Ankündigung der restriktiven Maßnahmen der Behörden zur Verhinderung der Ausbreitung der Epidemie – eine Art freiwilliger Hausarrest – gerade diejenigen, die ihr Leben von vier Wänden umgeben fristen, die bereits täglich unter Zwang unter der Gefangenschaft litten – die Gefangenen – das Pulverfass in Brand setzten. Die Tatsache, dass sie ihrer wenigen verbliebenen menschlichen Kontakte beraubt wurden, mit der Gefahr, als Ratten in der Falle zu enden, hat dazu geführt, was seit Jahren nicht mehr geschehen ist. Die sofortige Umwandlung von Resignation in Raserei.
Alles begann in dem am stärksten vom Virus betroffenen westlichen Land, Italien, wo am 9. März unmittelbar nach der Aussetzung der Besuche mit Angehörigen in etwa dreißig Gefängnissen Unruhen ausbrachen. Im Verlauf der Unruhen starben zwölf Gefangene; fast alle “an einer Überdosis”, so die berüchtigten Ministerialvertuschungen – unzählige andere wurden massakriert. In einer Stadt, in Foggia, gelang es 77 Gefangenen, die Gelegenheit zur Flucht zu nutzen (obwohl für viele von ihnen die Freiheit leider nur von kurzer war). Solcherlei Nachrichten konnten nichts anderes machen, als um die Welt gehen, und wer weiß, ob sie nicht die Proteste anregten, die sich von diesem Moment an unter den weggeschlossenen Menschen die auf den vier Kontinente leben, verbreiteten: Prügeleien, Hungerstreiks, die Weigerung, nach dem Hofgang in ihre Zellen zurückzukehren; aber das ist noch nicht alles.
In Asien müssen Aufstandseinheiten am Morgen des 16. März in zwei der größten libanesischen Gefängnisse, in Roumieh und Zahle, einfallen, um die Ruhe wiederherzustellen; einige Zeugen sprechen von herausgerissenen Gitterstäben, Rauchsäulen und verwundeten Gefangenen. In Lateinamerika kam es am 18. März zu einer Massenflucht aus dem Gefängnis von San Carlos (Zulia) in Venezuela während eines Aufstandes, der dort unmittelbar nach der Ankündigung der restriktiven Maßnahmen ausbrach: 84 Gefangene konnten entkommen, 10 wurden bei dem Versuch von Kugeln niedergestreckt. Am nächsten Tag, dem 19. März, versuchten auch einige Gefangene im Gefängnis von Santiago in Chile zu fliehen. Nachdem sie die Kontrolle über ihren Sektor übernommen, den Wachposten in Brand gesetzt und die Tore des Korridors geöffnet hatten, stießen sie mit den Wachen zusammen. Der Fluchtversuch scheitert und wurde massiv unterdrückt. In Afrika gab es am 20. März einen weiteren Massenausbruchsversuch aus dem Amsinéné-Gefängnis in N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Weiters in Lateinamerika, am 22. März, sind es die Gefangenen des Gefängnisses La Modelo in Bogota, Kolumbien, die rebellieren. Es ist ein Massaker: 23 Tote und 83 Verwundete unter den Gefangenen. Abermals in Europa, am 23. März, findet ein Flügel des schottischen Gefängnisses von Addiewell den Weg in die Kontrolle der Hände der Aufständischen und wird verwüstet. In den Vereinigten Staaten entkamen 9 Häftlinge aus dem Frauengefängnis von Pierre (South Dakota) am selben Tag, als einer ihrer Mitgefangenen positiv auf einen Abstrick getestet wird (vier von ihnen werden in den folgenden Tagen gefangen genommen). Ebenfalls am 23. März entkamen 14 Häftlinge aus einem Gefängnis in Yakima County (Washington DC), kurz nachdem der Gouverneur den Zwang für die Bevölkerung zum Verbleib in den Häusern bekannt gegeben hatte. Wieder in Asien reicht die “vorläufige” Freilassung von 85.000 Gefangenen wegen gewöhnlicher Verbrechen im Iran nicht dazu aus, die in vielen Gefängnissen herrschende Wut zu besänftigen; am 27. März entkamen etwa 80 Gefangene aus dem Saqqez-Gefängnis im iranischen Kurdistan. Zwei Tage später, am 29. März, brach in Thailand im Buriram-Gefängnis im Nordosten des Landes ein weiterer Aufstand aus, bei dem einige Häftlinge entkommen konnten. Und nicht nur die Gefängnisse, sondern auch die Flüchtlingszentren, in denen illegale Einwanderer festgehalten werden, sind in Aufruhr, wie die Unruhen, die am 29. März bei der CPR in Gradisca d’Isonzo, Italien, ausbrachen, zeigen.
Aber wenn die abgeschlossenen Gefängnisse, die mit den Verdammten der Erde überfüllt sind, mehr denn je wie Zeitbomben wirken, was ist dann mit den Gefängnissen unter freiem Himmel? Wie lange noch wird die Angst vor Krankheiten über die Angst vor Hunger, lähmenden Muskeln und gettrübtem Verstand die Oberhand behalten? In Lateinamerika griffen am 23. März 70 Personen ein großes Lebensmittelgeschäft in Tecámac, Mexiko, an; zwei Tage später plünderten 30 Personen einen Supermarkt in Oaxaca. Am selben Tag, dem 25. März, musste die Polizei auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans, in Afrika, die Menschenmengen auf dem offenen Markt in Kisumu, Kenia auseinandertreiben.
Auf die Polizisten, die sie dazu auffordern, sich in ihren Häusern einzuschließen, antworten Verkäufer und Kunden: “Wir wissen um das Risiko des Coronavirus, aber wir sind arm; wir müssen arbeiten und essen”. Am Tag darauf, dem 26. März, begann die italienische Polizei mit der Bewachung einiger Supermärkte in Palermo, nachdem eine Gruppe von Menschen versucht hatte, mit vollen Einkaufswagen aus dem Geschäft zu gehen, ohne an der Kasse zum Bezahlen anzuhalten.
Man kann auch nicht sagen, dass der Hausarrest, der gegen Hunderte von Millionen von Menschen verhängt wurden, die Entschlossenheit derjenigen, die diese tödliche Welt sabotieren wollen, völlig zum Erliegen gebracht hat. In der Nacht vom 18. auf den 19. März wurde in Vauclin, Martinique, ein technischer Bereich der Telefongesellschaft Orange in Brand gesteckt, wodurch die Telefonleitungen für einige tausend Benutzer unterbrochen wurden. In Deutschland, wo die Eindämmungsmaßnahmen am 16. März ergriffen wurden, gingen die nächtlichen Angriffe unaufhaltsam weiter. Während in Berlin am 18. März einige Fahrzeuge der Toyota- und Mercedes-Händler in Rauch aufgehen, werden in Köln die Scheiben der Immobiliengesellschaft Vonovia eingeschlagen. Im Morgengrauen des 19. März wurde eine Bankagentur in Hamburg angegriffen, während in Berlin das Auto einer Sicherheitsfirma in Brand gesteckt wurde. In der Nacht vom 19. auf den 20. März wurde aus Protest gegen die zunehmende Militarisierung ein Auto einer militärischen Reserve in Nürnberg in Brand gesteckt, drei Yachten in Werder in Brand gesetzt und ein weiteres Auto einer Sicherheitsfirma in Berlin von ihrem Dienst befreit. In der Nacht vom 20. auf den 21. März wurde in Leipzig das x-te Auto einer Sicherheitsfirma in Brand gesteckt. In derselben Nacht gibt es sowohl in Deutschland als auch in Frankreich diejenigen, die versuchen, der Entfremdung den Stecker zu ziehen. Der Versuch scheiterte in Padernon, wo die deutsche Feuerwehr eine Telefonantenne um Haaresbreite rettete, die kurz davor stand, in Flammen aufzugehen. Das Glück ist auch einigen Verantwortlichen in der Nähe von Bram in Frankreich nicht hold, die versuchen Schaden an einigen Glasfaserkabeln zu verursachen. Ein Teil des Dorfes wird mehrere Tage lang ohne Internet und Telefon bleiben, aber die Verantwortlichen werden dank des Hinweises einiger Zeugen verhaftet. In der folgenden Nacht, in der Nacht zum 22. März, in der Nähe von Hamburg, verbrennt das Auto eines Zollbeamten zu Asche. Diejenigen, die diese Aktion durchgeführt haben, werden einen Text in Umlauf bringen, in man zu lesen bekommt: “Gerade in dieser Zeit der Pandemie geht die Verschärfung und Einschränkung der Bewegungsfreiheit einher, es ist umso wichtiger, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren und sich selbst, sowie anderen Subversiven zu zeigen, dass der Kampf gegen die Zwänge dieser Epoche weitergeht, auch wenn er wahnsinnig und schwierig erscheint. Wenn wir uns den Erwartungen des Staates, sich zu isolieren, unterwerfen, wenn wir uns damit zufrieden geben, angesichts der drohenden Ausgangssperre mit den Achseln zu zucken, geben wir ihm die Möglichkeit, seine Machenschaften fortzusetzen […]”. Es ist ein Gedanke, der die Köpfe auf der ganzen Welt erwärmt, wenn es stimmt, dass in derselben Nacht vom 22. bis 23. März der internationale Flughafen von Tontouta in Païta, Neukaledonien, ins Visier genommen wurde (eingeschlagene Scheiben und zerstörte Zollfahrzeuge), und zwar von denen, die offensichtlich nicht mit den Worten des Präsidenten des traditionellen Senats übereinstimmen, wonach “Entscheidungen, die in der Notlage von den öffentlichen Behörden ohne sofortige Erklärung getroffen werden, nicht zur Gewalt anstiften dürfen”.
Aber die Tatsache, die mehr als andere eine tiefe Spur hinterlassen könnte, Glut, die unter den Kohlen des Totalitarismus brütet und aus der Funken sprühen könnten, ist der Aufstand (der einzige, von dem es überhaupt Nachrichten gibt), der am 27. März unweit von Wuhan, dem Epizentrum der heutigen Pandemie, an der Grenze zwischen den Provinzen Hubei und Jiangxi ausbrach. Tausende Chinesen, die gerade aus einer zweimonatigen Quarantäne gekommen waren, drückten ihre Wertschätzung und Dankbarkeit für die von der Regierung verhängten restriktiven Maßnahmen aus und griffen die Polizei an, die versuchte, den Durchgang über die Jangtse-Flussbrücke zu blockieren.
Seit einem Monat ist die Welt, wie wir sie kennen, ins Wanken geraten. Nichts ist mehr so wie früher, und wie viele Menschen trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen sagen, wird nichts mehr so sein wie früher. Es war nicht der Aufstand, sondern eine Katastrophe, die ihre ruhige Reproduktion in Frage stellte. Ob real oder vermeintlich, macht keinen Unterschied. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Regierungen alles tun werden, um diese Situation auszunutzen und jede noch verbleibende Freiheit auszulöschen, abgesehen von der Wahl der zu konsumierenden Güter. Es besteht auch kein Zweifel daran, dass sie alle technischen Karten in der Hand haben, um das Spiel zu beenden und eine soziale Ordnung ohne weitere grosse unschöne Flecken durchzusetzen. Es ist jedoch bekannt, dass selbst die solidesten und präzisesten Mechanismen wegen einer Nichtigkeit in die Brüche gehen können. Ihre Berechnung der erwarteten und akzeptablen Risiken könnte sich als falsch erweisen. Dramatisch falsch und ausnahmsweise besonders für sie. Es liegt auch an jedem einzelnen von uns, dafür zu sorgen, dass dies geschieht.

finimondo

Denunzierungen und Lektionen

Die gestrige Nachricht ist, dass – laut einer Umfrage – 72% der Italiener es für richtig halten, diejenigen bei der Polizei anzuzeigen, die sich nicht an die Anti-Pandemie-Verbote halten. Insbesondere sollten alle Versammlungen oder Feiern in den Häusern der Nachbarn gemeldet werden. Fast drei von vier Italienern spionieren das Verhalten ihrer Nachbarn aus, bereit, die Polizei zu rufen, wenn jemand es wagt, sich mit Freunden zu treffen und sich mit ihnen zu vergnügen? Und was ist mit all den potenziellen Massenmördern, die es wagen, laufen zu gehen, es wagen, mit ihren Hunden Gassi zu gehen, ihre Kinder – vielleicht mit ihren Freunden – im Freien spielen zu lassen?
Die heutige Nachricht ist ein Beispiel dafür, was in Kalabrien mit einem Exemplar dieser 72% geschah, die im Internet ein Video ins Netz gestellt hatten, das eine der vielen Kontrollen “zur epidemiologischen Eindämmung” zeigte, die auf den Straßen stattfinden. In diesem Video hatte er… äh, wie soll man sagen… die Person gefilmt, die nicht hätte filmen sollen… die falsche Person… oder besser gesagt, die mit dem falschen Verwandten. Letzterer, einmal darüber informiert, dass ein Familienmitglied auf frischer Tat “ertappt” und im Netz an den Pranger gestellt worden war, hielt es für eine gute Idee, dem Autor des Videos persönlich zu gratulieren. Um solche Bilder zu verbreiten, muss man in der Tat ein hohes staatsbürgerliches Pflichtbewusstsein voller Nationalstolz haben. Dieser “falsche” Verwandte tauchte dann an der Tür der Wohnung auf, von der aus die Aufnahmen gemacht worden waren, klopfte an und zog nach einem müßigen Wortwechsel über den Wert, das Maul halten zu können, eine Pistole, womit er all seine Bewunderung widerhallen liess. Unglücklicherweise wurde der Verwandte, scheinbar nicht einmal der falsche, verhaftet, und da er von nun an in einer Zelle eingesperrt bleiben muss, anstatt im Wohnzimmer eingesperrt zu sein, wird er nicht mehr in der Lage sein, kluge Lektionen in Scherdichumdeineneigenendreckismus zu erteilen. Was seinen unfreiwilligen Schüler betrifft, so wird er den Rest seiner Tage humpelnd verbringen.
Wer weiss, ob ihm das reicht, sich vom Fenster fernzuhalten und vor allem nicht im Privatleben anderer Leute rumzuschnüffeln?

finimondo